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Das neue Skript: Ein Frauenleben

Das letzte Buch hat seinen Zyklus durchschritten: Veröffentlichung, Anfangseuphorie, zahlreiche Lesungen, viel Zuspruch, schöne Rezensionen, mäßige Verkäufe. Nun zählt es zur sog. Backlist des Verlages. Das heißt, es ist nach wie vor zu haben. So soll es sein. Es wird Zeit für Neues.

Jetzt sitze ich wieder an einem Manuskript. Es wurzelt, wie das vorherige, in erlebtem Leben. Doch dieses Mal wird es kein literarisches Sachbuch mehr werden, sondern ein biografischer Roman. Ich habe die schwer zu definierende Grenze zwischen diesen beiden Genres überschritten. Warum? Vielleicht, um unter ff. wahrgenommen zu werden: als Fall fürs Feuilleton.

Die Geschichte wollte ich schon lange Jahre schreiben. Doch ich wusste nicht genau, warum. Denn wen geht letztlich die Lebensgeschichte der eigenen Mutter an? Was hätte sie zwischen Buchdeckeln verloren? Als Peter Handke sich 1972 daran machte, in Wunschloses Unglück das Leben und Sterben seiner Mutter zu beschreiben, stellte er entschieden fest: Die bloße Nacherzählung eines wechselnden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nichts als eine Zumutung. Plane ich eine Zumutung für künftige LeserInnen? Ich glaube nicht.

Meine Mutter wurde 1925 im oberschlesischen Schoppinitz (heute Szopienice) geboren. Danach: Kindheit, Krieg und Flucht, bürgerliche Musterehe, zwei Söhne, ökonomischer Aufstieg, Krankheiten, Krisen, Enkelin, Rentnerleben. Und immer, überall: der Mann. 2002 starb sie im rheinischen Königswinter von eigener Hand.

Was wäre das Allgemeingültige dieser Frauengeschichte? Um das sagen zu können, musste ich Abstand zum Geschehen nehmen und den Blickwinkel verändern. Also wählte ich die Perspektive des beschreibenden Soziologen, der im Besonderen immer das Allgemeine sucht.


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Bild: Willi Vogl

 

Ich wurde fündig. Die Erzählung schreibt sich selbst. Es wird die exemplarische Geschichte einer Generation von Frauen, die vor allem unter einem zu leiden hatten: dass sie Frauen waren!

Nun kann Leiden sich verschieden artikulieren: Manche reden darüber. Andere schreien. Wieder andere schweigen. Meine Mutter gehörte zu den Frauen, die sich die Worte sparten. Sie war eine Meisterin des unüberhörbaren Schweigens. Und grub sich damit tiefer in mein Gedächtnis ein, als wenn sie geschrien hätte.

Dass Frauen wie meine Mutter die Auskunft über ihr Inneres verweigerten, war die Folge der historischen Umbrüche und der gesellschaftlichen Missachtung der weiblichen Spezies. Dieser Verweigerung bin ich im Laufe meines Lebens bei traditionell erzogenen, in bürgerlichen Ehen gefangenen Frauen immer wieder begegnet.

Ich denke, diese Frauen wussten, worunter sie litten. Doch sie glaubten in der Regel nicht daran, dass an ihrem Schicksal irgendetwas zu ändern war. Deshalb zogen sie sich in sich selbst zurück und entwickelten eine alte Kultur zur Perfektion: die weibliche Kultur des Schweigens.

      Leseprobe      

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